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AUGUST-BOECKH-ANTIKEZENTRUM

Projektbeschreibung

August Boeckh: Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften. Historisch-kritische Edition (gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung).

 

August Boeckh (1785–1867) zählt zu den bedeutendsten Klassischen Philologen des 19. Jahrhunderts. Bei seiner Vorlesung über „Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften“ handelt es sich unbestritten um eine der wichtigsten und wirkungsmächtigsten philologischen Fachenzyklopädien und somit um einen Kulminationspunkt im Prozess der Verwissenschaftlichung der klassischen Philologie und der Ausdifferenzierung der einzelnen philologischen Disziplinen. Boeckh hat diese Vorlesung in einem Zeitraum von 56 Jahren insgesamt 26 mal gehalten, erstmals 1809 in Heidelberg und letztmalig im Sommersemester 1865 in Berlin. Er hat sie aber nie selbst publiziert.

Boeckhs „Encyklopädie-Vorlesung“ zählt zu den großen wissenschaftsbegründenden und -systematisierenden Entwürfen des 19. Jahrhunderts. In ihr konzipiert Boeckh die Philologie zum einen als umfassende Wissenschaft von der griechischen und römischen Antike und darüber hinaus zugleich als „Erkenntniss des Erkannten“ und somit als eine Metatheorie aller philologisch-historischen Wissenschaften. Indem Boeckh das Verstehen als deren zentrale methodische Operation identifiziert, trägt er wesentlich zur Etablierung des hermeneutischen Paradigmas in den Geisteswissenschaften bei und stellt somit in der Geschichte der Hermeneutik das Bindeglied zwischen Schleiermachers hermeneutischer Theorie und der – später von Droysen und Dilthey vorgenommenen – Etablierung des Verstehens als Methode der Geisteswissenschaften insgesamt dar.

Boeckhs „Encyklopädie-Vorlesung“ liegt nach wie vor nur in einer den heutigen wissenschaftlichen Standards nicht mehr genügenden Edition aus dem Jahre 1877 vor. Eine historisch-kritische Neu-Edition stellt daher seit längerem ein Desiderat der Forschung dar.

Denn die 1877 erschienene Edition von Ernst Bratuscheck lässt die Konturen der Boeckh’schen „Encyklopädie“ vor allem in zweierlei Hinsichten verschwimmen: einmal weil Bratuscheck durch die Einbeziehung weiterer Materialien aus anderen Vorlesungsmanuskripten Boeckhs viel mehr bietet als das bloße Manuskript der „Encyklopädie-Vorlesung“ und zum anderen weil er ohne historisch-kritischen Anspruch die zeitliche Dimension der von ihm benutzen Materialien nivelliert.

Im Unterschied dazu konzentriert sich die zu erarbeitende historisch-kritische Neu-Edition bei der Textkonstitution ausschließlich auf Boeckhs eigenhändiges Manuskript der „Encyklopädie-Vorlesung“, das im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt wird. Das Editionsprojekt kann dabei auf die umfangreichen Vorarbeiten von Klaus Grotsch aus den Jahren 1987 bis 1990 zurückgreifen. Es ist auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegt und und strebt eine traditionelle Edition in der altbewährten Form eines gedruckten Buches an.

Die historisch-kritische Neu-Edition wird erstmals das Manuskript der „Encyklopädie-Vorlesung“ als solches zugänglich machen und deutlich werden lassen, bis wohin die „Encyklopädie“ in Boeckhs Verständnis gereicht hat und wo dann die einzelnen Spezialvorlesungen angesetzt haben. Und sie wird die sukzessive Genese des Textes abbilden und es somit erlauben, alle späteren Zusätze als solche zu identifizieren und so weit als möglich zeitlich zuzuordnen – was gerade bei diesem Manuskript, dessen Genese sich über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren erstreckt, wissenschaftsgeschichtlich von größtem Interesse ist. Die Edition wird ferner mit einem knapp gehaltenen Kommentar versehen werden, der den heutigen Rezipienten, die mit dem damaligen Kenntnisstand und den wissenschaftlichen Gepflogenheiten dieser Zeit nicht mehr selbstverständlicherweise vertraut sind, eine sachgerechte Erschließung des Werkes ermöglichen soll, indem er unverständliche Sachverhalte erläutert. Was er nicht anstrebt, ist eine inhaltliche Kommentierung. Ein weiterer Gewinn der Neu-Edition wird eine Bibliographie sein, welche alle von Boeckh im Text genannten ca. 2500 Titel (mit vollständigen bibliographischen Angaben) noch einmal im Zusammenhang verzeichnet, wodurch man erstmals einen Überblick darüber erhält, welche Literatur Boeckh rezipiert hat.